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Prof. Dr. Muhammad Abu Al Fadl  Badran 

 

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  Seit sie an meiner Türe klopfte, ich sie reinließ, ich dann selbst rausging war ich draußen geblieben

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al-Khidr

oder

Die Suche nach der Lebensquelle

Prof. Dr. Mohamed Abul Fadl Badran

I

Als al-Khidr wie gewöhnlich morgens lächelnd von seinem Schlafe erwachte und sich zum Frühstückstisch schleppte, wo seine Eltern schon saßen und auf ihn warteten, grüßte er, setzte sich und sagte während des ganzen Frühstücks kein einziges Wort - was gar nicht seine Gewohnheit war.

 

Seine Mutter ermunterte ihn, etwas zu sagen, aber er antwortete nur auf Fragen, die mit einem Kopfnicken abgeschlossen werden konnten.

 

Nach dem Frühstück schnellte al-Khidr zu seinem Freund Ilyas, der im selben Dorf wohnte. Er fragte Ilyas' Mutter nach ihm, die sagte:

- "Er sagte beim Frühstück kein Wort zu uns, was er sonst nie tut, und ist schnell gegangen".

- "Wohin?"

- "Ich weiß es nicht".

 

Al-Khidr kannte alle Geheimnisse seines Freundes Ilyas. Er lief schnell zur großen Sykomore. Es war der älteste Baum im ganzen Dorf, keiner weiß mehr, wann er gepflanzt wurde. Man kann aber mit Sicherheit sagen, daß der Baum mindestens so alt war wie das Dorf selbst oder älter. Und man sagt - aber für die Richtigkeit dieser Aussage ist der Überlieferer verantworlich - daß es der Dschinn war, der den Baum pflanzte.

 

Zu dieser frühen Tageszeit saßen und plauderten die Leute noch nicht unter der Sykomore - erst am Nachmittag taten sie das gewöhnlich.

 

Al-Khidr ließ einen Pfiff von seinen Lippen ertönen. Ilyas antwortete vom Baum aus mit dem gleichen Pfiff. Al-Khidr kletterte sodann hoch auf die Sykomore, deren Blätter nie fielen, und umschloß einen ihrer Äste gegenüber Ilyas, der es sich auf einem anderen Ast gemütlich gemacht hatte.

- "Warum bist du so früh aus dem Haus gegangen?"

- "Ich weiß es nicht, aber ..."

- "Aber was?"

- "Ich habe das Gefühl, daß uns etwas ganz Wunderbares erwartet".

- "Was meinst du?"

- "Ich habe letzte Nacht geträumt".

- "Und was hast du gesehen?"

- "Dich und mich".

- "Und was noch?"

- "Wir suchten einen Brunnen".

- "Die Lebensquelle!"

- "Ja, woher weißt du das?"

- "Ach, egal, sprich weiter!".

- "Wir waren tagelang unterwegs auf der Suche nach der Lebensquelle, die das ewige Leben demjenigen schenkt, der von ihr trinkt".

- "Was weiter, sprich!".

- "Dann schrie eine Katze neben unserem Haus, und ich wachte auf ".

- "Ich aber habe den Traum zu Ende geträumt".

- "Welchen Traum?"

- "Denselben, den du geträumt hast".

- "Mein Gott, was sagst du da?"

- "Ich habe denselben Traum geträumt. Kannst du dich an die Szene erinnern, wie wir auf dem Weg einer alten Frau begegneten?"

- "Ja, doch, und ich erinnere mich, wie sie sagte, sie hieß ... eh ... N......"

- "Nota"

- "Ja, genau, ... mein Gott! Komm laß uns runtergehen! Ich kann das nicht mehr aushalten"

 

In Windeseile ließ sich Ilyas von der Spitze des Baumes, den Baumstamm umklammernd, hinuntergleiten, bis seine Füße auf die Erde prallten. Nach einem kurzen Moment prallten auch al-Khidrs Füße neben ihm auf die Erde. Sie schauten sich gegenseitig in die Augen und schwiegen.

 

Nach einer Weile Schweigen schrie Ilyas, "Ich sollte jetzt nach Hause gehen". Al-Khidr sagte: "Aber vergiß nicht, was, Nota, die Greisin, gesagt hat"

- "Sie sagte, erzähl niemandem von deinem Traum".

- "Hat sie es dir auch gesagt?"

- "Ja"

- "Dann sagen wir es keinem"

Während Ilyas eilig nach Hause ging, setzte sich al-Khidr auf den Boden und lehnte seinen Rücken an die Sykomore und dachte tief nach.

 

- "Mann, O, Mann, wie kann es sein, daß Ilyas genau dasselbe gesehen hat wie ich und daß die beiden Träume identisch waren.

Ilyas ist mein bester und treuester Freund. Er ist mutig. Er stand mir bei, als einige Diebe versuchten, mir das Pferd meines Vaters zu entreißen. Ich hatte es damals ohne dessen Erlaubnis genommen und ritt damit durch unsere Gärten. Ilyas hatte seinen Stock wie eine Waffe gezückt und hielt ihn gegen sie und rief:

"Wißt ihr, wer das ist? Es ist al-Khidr ben Adam". Als die Diebe den Namen meines Vaters hörten, waren sie geflohen."

 

Al-Khidr unterbrach seine Überlegungen und nahm seine Bambusflöte, die er immer in einem der vielen Schlitze im Stamm der Sykomore versteckte. Keiner kannte dieses Versteck außer ihm, aber man sagt, auch Ilyas wußte davon.

 

Er rannte zum Nil und lief an dem Ostufer entlang. Im Schatten von zwei Palmen, die sich in den Zweigen oben zu umarmen schienen, begann er auf der Flöte zu spielen. Der Nil schien so still, als hörte er ihm zu. Aus der Bambusflöte ertönte eine immer lauter werdende Melodie. Al-Khidr sah ein paar Fische ans Ufer heranschwimmen. Er trat näher an sie heran, damit sie seine Melodie besser hören konnten. Die Fische jedoch tauchten wieder tief ins Wasser ein, als sein Schatten auf sie fiel. Aber das war auch nicht weiter schlimm, sie konnten seine Melodie auch von der Tiefe hören .

 

 


 

II.

"Meine Mutter hat gesagt: 'Setzt dich nicht noch einmal mit al-Khidr zusammen'". Al-Khidr lachte darüber und sagte scherzend:

- "Warum bist du dann gekommen?"

- "Mein Freund, du weißt, wir sind keine kleinen Kinder mehr, wir sind jetzt Männer"

- "Gleich schon Männer?"

- "Ja, und hast du die Lebensquelle vergessen?"

Al-Khidrs Gesichtzüge wurden ernst und erwachsen. Er murmelte:

- "Die Lebensquelle... natürlich habe ich sie nicht vergessen"

- "Meine Mutter sagt, al-Khidr stecke mir Gedanken in den Kopf, die zum Wahnsinn trieben"

Al-Khidr lachte wieder und sagte:

- "Mein Vater glaubt, du hast Gedanken gegen den Sultan"

- "Als der Sultan euch voriges Jahr besucht hat und ich gefragt habe, woher er das ganze Geld und Gold hätte, lief das Gesicht des Wesir, deines Vaters, vor Wut rot an. Ich finde, daß nichts dabei ist, so etwas zu fragen, warum war es für alle peinlich?"

- "Ilyas, mein Vater ist der Wesir, und du weißt, wie sehr er auf seine Position bedacht ist."

- "Was ist das schon für eine Position! Wenn ich wollte, könnte ich selbst Sultan werden!"

al-Khidr lachte: "Wie denn?"

- "Wir sammeln alle Dorfkinder und ernennen mich zum Sultan, und du wirst Wesir"

- "Ich habe mehr Recht als du, Sultan zu sein"

- "Warum?"

- "Weil mein Vater der Wesir (Minister) ist. Dein Vater ist doch  nur ein Künstler"

 

 


 

III.

Dies war das dritte Mal, daß al-Khidr jenen Traum träumte. Jedes Mal, wenn er Ilyas davon erzählen wollte, überraschte dieser ihn damit, daß er ihn gleichzeitig geträumt hatte und daß das Miauen der Katze es nie zulgelassen hatte, den Traum zu Ende zu träumen. Es vergingen Jahre, in denen al-Khidr über den Traum weiter nachdachte. Gibt es tatsächlich eine Quelle des ewigen Lebens?

 

Dann traten al-Khidr und Ilyas in den Dienst des Sultans; Ilyas wurde Schreiber des Sultans, und al-Khidr schloß sich dem Heer als Soldat an. Sie trafen sich immer seltener. Wenn sie sich sahen, erzählte al-Khidr immer von dem Traum, den er vor vielen Jahren geträumt hatte.

 

Al-Khidr machte große Karriere und stieg schließlich zum Heeresführer auf. Obwohl er jetzt einer der mächtigsten Männer im Lande wurde, sehnte er sich oft nach der Sykomore und dem Spielen auf der Bambusflöte am Nilsufer.

 

Manchmal, wenn Ilyas vom Schreiben der Briefe des Sultans ermüdet war - es waren langweilige Briefe, die er an alle anderen Sultane auf der Erde schrieb und die meistens Gratulationen zum Sommeranfang oder Gratulationen zum Winteranfang oder manchmal auch Kriegsdrohungen waren - ging er zur Sykomore und erinnerte sich, wie er, als er jung gewesen war, mit der kleinen Rie, der Tochter des Fischers, geflirtet hatte. Rie hatte mit ihrer Familie neben der Sykomore gewohnt. Er erinnerte sich, wie sie mit ihm Blicke ausgetauscht hatte, während er auf dem Baum herumkletterte und wie er ihr Früchte zuwarf, um ihr zu zeigen, auf welchem Ast er gerade war. Und sie hatte sich darüber gefreut. Und als ihm al-Khidr erzählte, wie er selbst einmal Rie Früchte zuwarf und sie dachte, es sei Ilyas und voller Liebe und Sehnsucht zu ihn heraufblickte und ihm ihr kurzes Haar löste, da hatte Ilyas sehr lange gelacht.

 

Ilyas hatte Rie geheiratet, obwohl seine Mutter dagegen war. Sie wollte, daß er ein Mädchen aus einer reichen Familie heiratete.   

 

Al-Khidr aber hatte noch nicht geheiratet.

 

 


 

IV

Als der Sultan starb, hinterließ er keine Nachkommen, die an seine Stelle hätten rgieren können. Das Sultanat war ohne Sultan. Al-Khidr ernannte sich schnell zum Sultan, worüber sich die Menschen sehr freuten, weil sie in al-Khidr einen jungen Mann sahen, der ihnen ihre Ehre und ihre Stärke wieder zurückgeben konnte. Die Freudestrommeln wurden geschlagen. Überall in der Stadt und auf dem Land wurden Feste gefeiert. Die Sufis tanzten in ihren liturgischen Gemeinschaftsorden im Rhythmus der Tamburine, bis sie in einen tiefen heiligen Trance verfielen, im Namen des neuen Sultans, der an ihren Sufirunden teilnahm und ihnen oft Gedichtsverse vortrug, von deren Ursprung sie nichts wußten. Man sagte, al-Khidr habe sie selbst verfaßt.

 

Sultan al-Khidr bahnte sich einen Weg durch die Volksmassen, die ihm Glück und Gesundheit wünschten. Ihr erster Wunsch hatte sich erfüllt: Al-Khidr erklärte, daß das gesamte Vermögen des toten Sultans an die Armen verteilt würde und daß er eines der königlichen Schlösser zum Verwaltungssitz des neuen Sultanats mache. Er ernannte Ilyas zum ersten Wesir des Reiches.

 

Daraufhin kam sofort die Mutter von Ilyas, um sich dafür das zu entschuldigen, was sie vor einigen Jahren gegen al-Khidr gesagt hatte. Al-Khidr lächelte und sagte nur: "Das macht nichts. Sie sind wie meine Mutter".

 

Die Heeresmacht behielt al-Khidr selbst in seiner Hand. So brachte al-Khidr langsam Gerechtigkeit ins Land. Während in früheren Zeiten die Armen vor Hunger starben, hatten sie jetzt feste Löhne und eigene Häuser.

 

Als sich die Gerechtigkeit überall verbreitete, schickte al-Khidr nach seinem Freund Ilyas und sagte zu ihm:

- "Erinnerst du dich an den Traum?"

- "Ja"

- "Wir müssen uns aufmachen, den Traum zu erfüllen"

- "Das müssen wir... "

 

 


 

V

Das Heer wurde vorbereitet. Die Truppen brachen auf, angeführt von al-Khidr persönlich und auf der Suche nach der Lebensquelle. Keiner wußte, wohin die Reise ging, außer seinen Freund Ilyas, der neben al-Khidr ritt. Al-Khidr spornte sein Pferd zur Eile an. Als sie an der Grenze des Sultanats angekommen waren, befahl al-Khidr seinem Heer, hier zu warten. Er ernannte einen Soldaten namens Taschi zu seinem Stellvertreter und Anfürer in seiner Abwesenheit und machte sich mit Ilyas allein weiter auf den Weg zur Lebensquelle, um von ihr zu trinken, denn wer von ihr trinkt, stirbt nie.

 

Es wurde Abend. Sie stiegen von ihren Pferden ab und ruhten bis zum Morgen aus. Dann ritten sie den ganzen Tag lang weiter.

- "Halt" rief Ilyas al-Khidr zu.

Al-Khidr drehte seinen Kopf und erblickte nicht weit von seinem Freund eine alte Frau, die an der Tür ihrer Hütte stand. Die Frau sah der alten Frau, die al-Khidr und Ilyas im Traum gesehen hatten, sehr ähnlich. Sie näherten sich der Hütte. Die Greisin sagte:

 

- "Willkommen seien al-Khidr und Ilyas"

- "Guten Tag, Nota" erwiderten sie, als ob sie die Frau schon lange gekannt hatten.

Sie stiegen von ihren Pferden ab. Die Greisin kam näher, um sie zu begrüßen.

- "Wie können sie hier allein wohnen, wo hier weit und breit kein Mensch zu sehen ist?"

- "Das macht nichts, al-Khidr. Und frage mich nicht. Ich beginne selbst, davon zu sprechen."

Al-Khidr schwieg, und die Greisin fuhr fort:

- "Seit hundert Jahren sitze ich hier in dieser Hütte und warte auf euch. Vor euch ist kein Mensch gekommen, und es wird auch keiner nach euch kommen.

Du, al-Khidr, wirst in diese Richtung weitergehen". Sie zeigte nach Osten. "Du wirst das Tal der Löwen, dann das Tal der Schlangen, das Tal der Krokodile, das Tal der Adler und das Tal der Di'an passieren und durch das Tal der Danduba weiter gehen, bis du das Tal der Nahun erreichst. Und wie ich dir schon im Traum gesagt habe, erzähl niemandem davon. Ich kann es dir ja jetzt sagen, es begleitet dich niemand auf deinem Weg zur Lebensquelle.

 

Ilyas schrie entsetzt und rief:

- "Bitte liebe liebe Nota, bitte!"

- "Versuch es nicht, so habe ich es gesagt, und so bleibt es"

- "Aber al-Khidr ist mein Freund... ich werde ihn nicht im Stich lassen"

- "Du wirst niemals von der Lebensquelle trinken, niemals"

- "Bitte, ... bitte"

Ilyas weinte bitterlich und lange. Die Greisin sprach weiter zu al-Khidr:

- "Du wirst von der Reise sehr müde und erschöpft sein, aber verzweifle nicht. Du wirst immer jemanden finden, der dir den Weg weist."

- "Aber Ilyas ist mein Freund, bitte erlaub ihm, von der Lebensquelle zu trinken"

- "Nein, al-Khidr, niemals..., niemals"

Die Greisin ging in ihre Hütte und verriegelte hinter sich die Tür. Al-Khidr klopfte traurig die Schulter seines Freundes und versuchte, ihn zu trösten. Aber Ilyas erhob sich und sagte trotzig:

- "Ich lasse dich nicht allein gehen... Ich gehe mit dir, und wenn ich auf dem Weg sterben muß"

Al-Khidr wußte nicht, was er zu ihm sagen sollte. Er schwieg. Sie stiegen auf ihre Pferde.

 


 

VI

An der Grenze des Sultanats warteten die Truppen vergeblich auf die Rückkehr von al-Khidr und Ilyas. Unter den Soldaten begann man zu flüstern: "Wohin sind sie gegangen? Warum sind wir nicht mitgegangen? Hat der verstorbene alte Sultan vielleicht reiche Schätze hinterlassen, von denen keiner außer den beiden etwas gewußt hatte? Sind sie deshalb allein weitergeritten, damit sie die Schätze für sich allein behalten?

 

Viele Fragen blieben ohne Antwort. Taschi, den al-Khidr noch vor seinem Verschwinden zum stellvertretenden Truppenführer ernannt hatte, befahl den Soldaten, in die Hauptstadt zurückzukehren, bis der Sultan wieder da sei.

 

Für wahr, Taschi war unter den Soldaten der Zuverlässigste, Treuste und Mutigste. Aber nie hätte er sich erträumen lassen, einmal Heeresführer zu sein.

 

Auch er wußte nicht, wohin die beiden gegangen waren. Vor den Soldaten und vor allen Leuten jedoch tat er so, als wüßte er allein das Geheimnis und gäbe es in keinem Fall preis.

 

Als die Truppen die Hauptstadt erreichten, befahl Taschi den Soldaten, sich erst einmal von den Strapazen der langen Reise auszuruhen. Er selbst rief die Wezire und wichtigsten Persönlichkeiten der Stadt zusammen und erzählte ihnen, was passiert war. Die Meinungen über das Verschwinden von al-Khidr und Ilyas waren gespalten. Einige glaubten, die beiden Männer seien entführt oder ermordet worden. Andere behaupteten, der Dschinn habe sie genommen.

 

Ilyas Mutter fuhr auf: "Habe ich Ilyas nicht gesagt, daß er al-Khidr meiden soll?" Ihr Mann, Ilyas Vater, versuchte sie zu beruhigen. Ilyas werde bestimmt wiederkommen, zusammen mit dem Sultan al-Khidr.

 

Rie glaubte von all dem nichts. Sie glaubte, daß ihr Mann und al-Khidr für zwei, drei Tage eine Bergtour machten und ganz allein sein wollten. Vielleicht bedrückte sie das elitäre, künstliche Leben am Hofe des Sultans. Vielleicht wollten sie wieder ganz einfach für sich leben. Aber dann fragte sie sich:

"Es gibt noch die Sykomore, und es gibt auch noch den Nil".

 

Keiner konnte eine Antwort auf das Rätsel finden. Die Menschen fuhren fort zu analysieren und neue Erklärungen zu geben. Dabei kristallisierten sich endlos neue Fragen.

 


 

VII

Al-Khidr schaute Ilyas ins Gesicht. Obwohl das bleich war, konnte man in dessen Augen Herausforderung erkennen.

 

- "Komm näher zu mir, warum hältst du dein Pferd von mir fern?"

- "Es hat doch alles keinen Sinn. Du wirst allein von der Lebensquelle trinken, und ich werde sterben"

- "Warum bist du dann mitgekommen?"

- "Damit ich dich nicht im Stich lasse"

- "Das ist alles?"

- "Ja"

- "Wenn du nicht vom Wasser trinkst, werde ich dir eine Socke voll mitbringen"

- "Danke"

- "Du kannst nach Hause gehen"

- "Hast du das wirklich geglaubt, daß ich nicht trinken werde?"

- "Ich weiß es nicht, ehrlich, ich weiß es nicht"

- "Ich werde davon trinken, ... und wenn ich es nicht kann, soll ich dich einfach hier allein lassen?"

- "Das ist mein Schicksal"

- "Meins auch"

 

Am Ende des Weges saß ein Löwe, aus dessen Augen böses Feuer funkelte. Al-Khidr flüsterte in Ilyas' Ohr:

- "Wir scheinen in das Tal der Löwen angekommen zu sein. Schau"

- "Oh mein Gott!"

 

Sie zogen ihre Schwerter, hielten ihre Speere bereit und gingen weiter. Der Löwe aber kam näher und versperrte ihnen den Weg. Al-Khidr wußte nicht mehr, wie lang es her war, seitdem sie die alte Frau verlassen hatten, aber er erinnerte sich noch gut daran, wie sie sagte: "Verzweifle nicht. Du wirst immer jemanden finden, der dir den Weg weist."

 

Der Löwe riss sein Maul auf, so daß all seine spitzen Stoßzähne sichtbar wurden. Ilyas blieb stehen, al-Khidr blieb stehen. Als der Löwe schon ganz nah war und al-Khidr vergeblich versuchte, sein Schwert gegen ihn anzuheben, befahl der Löwe ihm, das Schwert wieder in seine Scheide zu stecken. Er schritt auf ihn zu und sagte:

- "Sei Willkommen, al-Khidr" 

 

Man sah es al-Khidr an, daß es ihm peinlich war, so herzlich begrüßt zu werden. Man sah seinem Gesicht im übrigen auch an, daß das Alter in ihm fortgeschritten war. Er entschuldigte sich bei den Löwen:

 

- "Entschuldige,... wir dachten, ihr wolltet uns fressen"

Der Löwe schüttelte sich vor Lachen. Er lachte so laut, daß al-Khidr fast taub wurde. Er schaute zu Ilyas rüber, der immer noch zitterte. Er beruhigte ihn. "er scheint doch ganz freundlich zu sein." Aber Ilyas hatte nichts von dem gehört, was der Löwe sagte.

- "O al-Khidr, sei willkommen im Tal der Löwen" sagte jetzt wieder der Löwe und fuhr fort:

- "Wir warten auf dich seit 1000 Jahren"

- "Warum?"

- "Weil du der einzige sein wirst, der das Tal der Löwen durchreisen wird"

- "Und mein Freund Ilyas?"

- "Nein. Er wird es nicht können. Die Löwen würden ihn fressen, falls er versucht, reinzukommen"

- "Er ist mein Freund"

- "Nein"

- "Darf er denn hier draußen auf mich warten?"

- "Natürlich"

 

Al-Khidr schaute zu Ilyas hinüber. Ilyas hatte von der Unterhaltung mit dem Löwen nur al-Khidrs Worte gehört. Von den Worten des Löwens hatte er keine einzige Silbe vernommen. Al-Khidr sagte:

 

- "Adios, mein Freund"

- "Warum verabschiedest du dich?"

- "Du wirst nicht mit mir ins Tal der Löwen kommen können"

- "Warum?"

- "Die Löwen würden dich fressen"

- "Wer sagt das?"

- "Der Löwe da"

- "Ich habe ihn aber nicht gehört"

- "Ich aber"

- "Soll ich dich also allein lassen?"

- "Das ist unser Schicksal"

 

Ilyas stieg von seinem Pferd ab und ging zu al-Khidr, der eben abgestiegen war. Sie gaben sich die Hand. Ilyas sagte:

 

- "Versprich mir, daß du mir eine Socke voll von der Lebensquelle mitbringen wirst"

- "Ich verspreche es,... wenn ich es kann"

- "Und verspreche mir, daß du denselben Weg wieder zurückkommen wirst"

- "Ich verspreche es,... wenn ich es kann"

- "Ich werde hier auf dich warten, so lange ich lebe"

 

Die zwei Freunde umarmten sich herzlich. Tränen wurden schnell weggewischt. Liebevoll und mitleidig beobachtete sie der Löwe.

 

 


 

VIII

Taschi machte eine Reise durch das Land.

 

Er merkte, daß die Menschen gerecht und sorglos lebten. Damals, in den Zeiten, bevor al-Khidr Sultan wurde, war das anders gewesen. Die Leute hatten in Elend gelebt. Taschi kehrte ins Schloss zurück und stellte seinen Bruder Ignacio als Sekretär ein, also an Ilyas' Stelle, bis der zurückkam. Eigentlich konnte Ignacio weder gut schreiben noch Briefe formulieren. Trotzdem hat ihn Taschi eingestellt. Taschi bekam, was er wollte.

 

Eines Tages sagte er zu seinem Bruder:

- "Bruder, schreib ab jetzt in deinen Briefen "von dem Heeresführer ..." und setze dazu "und Stellvertreter des Sultans".

 

Von diesem Tag an waren alle Briefe und Befehlsschreiben mit dem Titel "Heeresführer und Stellvertreter des Sultans" versehen. Keiner fragte sich, warum Tachi sich diesen neuen Titel gab. Als wieder einige Tage vergangen waren, sagte Taschi zu seinem Bruder Ignacio:

- "Bruder, schreib "Heeresführer und Stellvertreter des abwesenden Sultans".

 

Seitdem gingen alle offiziellen Briefe, Befehle und Zeugnisse mit diesem Titel heraus. Die Leute fragten sich nun, seit wann es diesen Titel gab? Und obwohl keiner danach gefragt wurde, fand man diesen Titel großgeschrieben auf Straßenschildern und Hauswänden. Taschi verordnete außerdem, diesen Titel auf Schiffe und kleine Boote zu hängen und jeden Kapitän, der sich den Vorschriften verweigerte, zu bestrafen.

 

Nach einigen Monaten befahl Taschi, seinen Titel auch an die Uniformen der Soldaten zu heften und an die offiziellen und unoffiziellen Kleider der Wezire.

 

Nach einigen Jahren ließ Taschi ein riesengroßes Gebäude erschaffen. Dieses Gebäude umfaßte unzählige Kammern. Keiner wußte, zu welchem Zweck dieses Gebäude dienen sollte, und eines wunderte die Bevölkerung sehr, nämlich, daß das Gebäude schmucklos war, kahl, ohne die Schnitzereien, Zeichnungen und Arabesken, für die die Schlösser des Sultanats bekannt waren.

 


 

IX

Ilyas stand allein da und schaute seinem Freund nach, wie er aus seinem Sichtfeld in das Tal der Löwen verschwand. Er band sein Pferd an einem Pfahl, sammlete etwas Holz und zündete sich ein Feuer an.

 

Seitdem ihn sein Freund al-Khidr verlassen hatte, sehnte sich Ilyas nach nichts anderem mehr als nach seiner Heimat. Er wollte so schnell wie möglich ins Sultanat zurückkehren.

 

Al-Khidr hingegen trat ins Tal der Löwen, begleitet von dem ersten Löwen, der ihm den Weg freimachte. Mehrere tausend Löwen scharten sich um ihn. Alle schauten sie ihn an und riefen:

- "Willkommen sei der Unsterbliche Mensch"

 

Al-Khidr winkte zum Gruß mit beiden Händen von seinem Pferd herunter. Das Pferd hatte sich auch schon an die Löwen gewöhnt und hatte keine Angst mehr. Ein kleiner Löwe kam näher heran, stoppte das Pferd und sagte:

 

- "Unsterblicher Mensch, was ist es, was du dir am meisten wünschst?"

- "Daß ich von der Lebensquelle trinke"

- "Und was danach?"

- "Ich weiß es nicht"

 

Sie setzten dann ihren Weg fort, al-Khidr in der Mitte, rechts und links die Löwen. Al-Khidr fragte einen der Löwen:

- "Was meinte der kleine Löwe mit seiner Frage?"

- "Ich weiß es nicht" sagte dieser.

- "Ich weiß es auch nicht" sagte der andere, als auch ihn al-Khidr fragend anschaute. Al-Khidr drehte sich dem kleinen Löwen zu: "Was meintest du?" Aber der kleine Löwe wandte sich ab und lief schnell ins Dickicht der Tallandschaft, bis er ganz aus dem Blickfeld verschwandt. Al-Khidr spornte sein Pferd an und gallopierte weiter, gefolgt von einer bedrohenden Schar von Löwen, aber keiner dieser Löwen entblößte seine Zähne. Al-Khidr fühlte sich deshalb sicher.

 

 


 

X

Rie nahm ihren Sohn Hamani und ging mit ihm zu Taschi, der sie freundlich empfing. Aber als sie sich bei ihm wegen der Ungerechtigkeit seiner Soldaten beschwerte und erzählte, wie sie Unschuldige rücksichtslos und gewaltsam unterdrückten und viel zu hohe Steuern einsammelten, die die Armen schwer belasteten, als er dies alles hörte, rief er wütend:

 

- "Seit wann mischen Sie sich in die Politik ein, O Fischers Tochter?

 

Rie überraschte diese seltsame Antwort, sie hielt jedoch stand und sagte kühn:

- "Ja, ich bin die Tochter des Fischers, darauf bin ich stolz, aber vergessen Sie nicht, ich bin auch die Frau von Ilyas"

 

Da rief er spöttisch:

- "Und wer ist schon dieser Ilyas?"

- "Morgen werden Sie es ja sehen" rief der kleine Junge Hamani. Rie wandte sich um und lief in Tränen davon.

 

Keiner konnte genau sagen, wann al-Khidr und Ilyas weggegangen waren. Sicher war, daß Jahre vergangen waren, und daß Rie in demselben Jahr, in dem sie gingen, Hamani gebar. Hamani kannte seinen Vater Ilyas nicht. Er wuchs heran und war jetzt schon alt genug, mit Tachi zu streiten.

 

Außerdem hatte sich vieles ereignet in al-Khidrs Dorf. Al-Khidrs Vater und Mutter waren gestorben, ein Brand war in Ilyas' Haus ausgebrochen. All die schönen Ölbilder von lyas' Vater, dem Künstler, waren verkohlt. Man munkelte, es sei Brandstiftung gewesen.

 

In diesen Jahren waren die Preise rasant gestiegen. Ein Kilo Fleisch war nur für einem ganzen Sack Korn zu haben. Die Leute beklagten sich, aber es kam keine Reaktion. Das große schmucklose Gebäude wurde ein Gefängnis für jeden, der Taschi kritisierte. Taschi hatte sich mitlerweilen zum Sultan ernannt. Alle anderen Titel verschwanden wieder. Neue Goldtaler wurden geschlagen mit einer Abbildung von Taschis lächelndem Gesicht. Man sagte, daß es das einzige Mal sei, wo er lächelte.

 

Eins von den Ereignissen, die nie in Vergessenheit geraten würden, war die Geschichte der Büffelkuh des Fischers, die ein Esel zur Welt brachte. Die Leute glaubten darin ein schlechtes Omen zu sehen.

 

Die Sufis fingen an, den abwesenden Sultan al-Khidr in ihren Lobesgedichten zu besingen. Und da sie al-Khidr nicht beim Namen nennen konnten, weil sie dann Taschis Wut befürchten mußten - Taschi hatte verordnet, al-Khidrs Namen überall zu streichen - einigten sie sich auf ein Wort, das al-Khidr symbolisieren sollte. Es war das Wort "Tag" (Im Gegensatz zu der üblichen Bezeichnung Nacht, "lail", in den sufischen Gebeten). Die Chorsänger sagten immer "O, du Tag, stehe uns bei, madad nahar, madad". Taschi bestrafte sie und streichte die Orden, die ihnen nach der Tradition zustanden.

 

Eins von den Geschehnissen, die sich seit al-Khidrs und Ilyas' Abwesenheit ereigneten, war das Verbreiten von Säuchen. Die kranken Leute gingen ins sogenannte "Grab", wo sie sich bis zum Hals nackt unter brennenden Sonnenschein in heißen Sand eingraben ließen, bis kein Teil des Körpers mehr zu sehen war, mit Ausnahme des Kopfes. Nach einer langen Weile stiegen sie aus ihrem "Grab" und hofften, daß sie geheilt waren.

 

Für eine Sache fand man bis dahin keine Erklärung: wie hatte sich in einer einzigen Nacht die Nachricht von al-Khidrs und Ilyas' Tod im ganzen Sultanat verbreiten können? Sie seien auf dem Berg von einem Löwen überfallen und aufgefressen worden, wurde behauptet.

 

Die Menschen brachen in lauten Tumult aus. Einige wollten diese Nachricht bestätigt sehen, andere hielten sie für eine Lüge. Um die Menschen in ihrem Glauben an den Tod von al-Khidr und Ilyas zu stärken, ließ Taschi überall im Lande schwarze Trauerfahnen hissen. Außerdem ließ er ein Mausoleum erbauen, ein Memorialbau an Stelle des realen Grabes der zwei Verschollenen. Taschi gab den Sufis die Anweisung, besondere Abendversammlungen als Fürbitte für die Verstorbenen zu veranstalten. Als die Leute nach der Quelle der Todesnachricht fragten, antworteten die "Horcher", daß ein beduinischer Schäfer das Unglück gesehen habe und knapp davongekommen sei. Er habe es sofort dem "Allherrschenden Sultan" gemeldet (dies war sein neuester Titel).

 

 


 

XI

Es war die erste Nacht von vielen folgenden Nächten, die Ilyas sein Leben lang nicht vergessen wird. Er hatte sich ein Feuer gemacht. Die Wärme des Feuers durchdrang ihn und erfüllte ihn mit einer inneren Wärme. Er spürte, daß er am Leben war, nein, daß er lebte. Plötzlich kamen Frösche heran, von überall. Sie tummelten sich um ihn, als wenn sie noch nie ein Feuer gesehen hätten. Ilyas sah sich auf ein mal von einer Mauer aus Fröschen umgeben. Dicht saßen sie übereinander und schützten ihn so vor dem eiskalten Wind. Er hatte etwas  Angst - wie er sie so vereint sah - daß sie sich auf ihn stürzen und fressen könnten. Aber ein Frosch kam zu ihm und klopfte ihn auf die Schulter. Er war beruhigt und schlief ein. Er erwachte von einem ohrenbetäubenden brüllenden Chor quakender Frösche. Die Sonne war im Begriff aufzugehen. Die Frösche bildeten immer noch eine dichte Menge in respektvollem Abstand zu Ilyas. Man konnte ein schönes wundersames Muster erkennen, daß durch die Harmonie der Farben und Stellungen ihrer Froschkörper enstanden war.

 

Ilyas fragte sich, wie er zu diesem Ort gekommen war und wie lange er noch warten solle. Zum ersten Mal kam ihm ein Zweifel hoch:

- "Gibt es die Lebensquelle überhaupt, oder ist sie nur eine Illusion, der al-Khidr nachläuft?"

 

Ilyas überlegte weiter. Und wenn es sie gab, warum suchte gerade al-Khidr sie auf? War al-Khidr ein Egoist, der ganz allein unsterblich werden wollte. Auch wenn er sein bester Freund war, so hatte al-Khidr ihn verlassen und sein Ziel verfolgt, warum sollte er also hier noch auf ihn warten? Außerdem würde er ja bald sterben, während al-Khidr am Leben bleiben und neue Freunde haben würde."

 

Ilyas vergaß schnell seine bösen Gedanken, denn er war sich sicher, daß es gar keine Lebensquelle gab. Alles, was er bisher gesehen hatte, war sicherlich nur reine Phantasie. Er dachte an seine Frau Rie. Hatte sie wohl einen Jungen oder ein Mädchen geboren? Er fragte sich, wie es wohl dem Sultanat ginge und ob es nicht besser sei, zurükzukehren, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei. Jedoch schlug er sich diesen Gedanken schnell wieder aus dem Sinn. Al-Khidr würde ja in ein, zwei Tagen wieder zurücksein und Taschi war einer von al-Khidrs treusten, zuverlässigsten und anständigsten Gefolgsmännern. Er würde auf das Volk gut aufpassen.

 

Die Zeit verging. Al-Khidr war entgegen Ilyas Erwartungen immer noch nicht zurück. Ilyas verlor die Geduld und entschloß sich, in sein Heimatland zurückzukehren.

 


 

XII

Al-Khidr gallopierte immer schneller, bis sein Pferd ruckartig haltmachte. Sie befanden sich direkt vor einer Riesenschlange. Noch nie hatte al-Khidr so eine Schlange gesehen. Sie war so lang wie der Nil und sie war so dick wie ein Pferd. Al-Khidrs Pferd wieherte unruhig und stellte sich drohend auf die Hinterbeine, aber die Schlange schnappte sich die Hinterbeine und warf al-Khidr und das Pferd in die Luft.

 

Al-Khidr glaubte seinen Augen nicht. "Was wird jetzt aus mir? Was soll ich tun?" fragte er sich bekümmert. Das Wiehern des Pferdes wurde immer lauter. Al-Khidr streichelte es, um es zu beruhigen. Sie stießen an Wolken, die sich verdichteten, und da fiel es al-Khidr ein, mit der Schlange zu reden. Die kam ihm jedoch zuvor:

- "Frag nicht bevor ich meine Frage an dich gestellt habe"

- "Bitte sehr, fragen Sie mich, was Ihnen beliebt"

- "Was wünschst du dir, nachdem du von der Lebensquelle getrunken hast?"

- "Ich weiß es nicht,... ich weiß es wirklich nicht"

 

Die Schlange landete mit ihnen auf dem Gipfel eines Berges, der von Schlangen völlig bedeckt war. Die Schlangen stellten sich in Reih und Glied auf. Der Schlangenhäuptling empfing sie und sagte:

- "Willkommen, al-Khidr, im Tal der Schlangen"

- "Danke"

- "Ihr Menschenkinder tötet uns Schlangen immer, bevor wir euch etwas antun"

- "Ihr seit doch giftig"

- "Ja. Aber könnt ihr ohne dieses Gift überleben?"

- "Ich weiß es nicht"

- "In jedem Falle seist du herzlich willkommen"

 

Al-Khidr stieg von seinem Pferd ab, nahm die Zügel und ging auf einige Bäume zu, die in der Nähe standen. Er pflückte ein paar Früchte, da er langsam Hunger bekam. Als er jedoch eine Frucht öffnete, die von außen wie ein Apfel aussah, fand er in ihr eine Schlange. Die Schlange lächelte. Er war überrascht und warf sie zu Boden, da wurde sie wieder ein Apfel. Der Schlangenhäuptling lachte und sagte:

- "Kannst du nicht zwischen einer Schlange und einer Frucht unterscheiden? So seid ihr Menschenkinder immer"

 

Er pflückte eine Frucht und gab sie al-Khidr, der sie gierig aufaß. Er befreite das Pferd von seinem Zügel, damit es grasen konnte. Als er mit dem Essen fertig war, fingen die Schlangen an zu tanzen. Sie zischten dazu ein melodisches Geflüster und wiegten und schaukelten ihre leichtgleitenden langen Körper in harmonischen Bewegungen. Das war künstlerisch, einfach wunderbar. Ihr Tanz steckte an. Das Pferd tanzte mit. Schon lange war al-Khidr nicht mehr so glücklich. Auch er fing an, fröhlich, berauscht und gutgelaunt mitzutanzen. Als er dann aber endlich die Zügel seines Pferdes nahm und weitergehen wollte, sprach der Schlangenhäuptling zu ihm:

- "Du wirst das Pferd von nun an nicht mehr brauchen. Hab' keine Angst. Geh weiter zu Fuß und laß es hier."

- "Warum?"

- "Ich weiß nicht, aber ich habe es dir gesagt"

 

Al-Khidr wollte nicht widersprechen. Er bedankte sich bei den Schlangen und ging zu Fuß weiter. Zum ersten Mal spürte al-Khidr, wie sich das hohe Alter in ihn eingeschlichen hatte. Als der Weg an einem See endete und er ins Wasser schaute, sah er sein Abbild in dem Wasserspiegel. Sein Körper war geschrumpft und dünner geworden und seine Haare und sein Bart waren grau geworden, und sein Gesicht war voller Falten. Zeit ist relativ. Sie schien hier so kurz. Im Sultanat aber vergingn Jahre.

 

Er setzte sich nieder am Rande des Wassers, um auszuruhen. Da bewegte sich das Wasser. An die Oberfläche stiegen lauter Krokodile, so viele, bis man nichts mehr vom Wasser sehen konnte. Da wurde ihm klar, daß er im Tal der Krokodile war.

 

 


 

XIII

Ilyas war Tage und Nächte lang unterwegs gewesen, als er endlich die Grenzen des Sultanats erreicht hatte. Vergeblich suchte er die Hütte, in der die Greisin Nota wohnte, er fand sie nicht. Das Sultanat fand er anders vor, als er es verlassen hatte. Die Armut war von den Gesichtern der Menschen abzulesen. Von ihrem Schweigen entnahm man ihren Verdruß. Ilyas setzte sich in den Schatten eines Baumes, unter dem auch andere Reisende ihre Rastpause machten. Er grüßte und befragte sie nach dem Zustand des Landes. Einer sagte:

- "Sie scheinen schon sehr lange aus dem Lande fortgewesen zu sein?"

- "Ja"

- "Warum sind Sie zurückgekommen?"

- "Es ist meine Heimat"

- "Alle Leute sehnen sich danach wegzuziehen, und Sie kommen zurück, auch noch zu Fuß. Seltsam?"

- "Warum?"

- "Ungerechtigkeit. Ich werde es Ihnen erzählen, auch wenn Sie einer dieser "Horcher" des Sultans sein könnten. Der allherrschende Sultan Taschi machte der Gerechtigkeit, die al-Khidr hergestellt hatte, ein Ende. Als al-Khidr und Ilyas gestorben waren, ernannte er sich selbst zum Sultan. Das Ergebnis können Sie ja selbst sehen"

- "Ist al-Khidr denn gestorben?"

- Ja, al-Khidr und Ilyas sind beide gestorben"

- "Ilyas auch?"

- "Ja. Man sagt, ein Löwe habe sie gefressen"

- "Wann war das?"

- "Vor einigen Jahren. Ich habe es ja gewußt, daß Sie nichts wissen. Versuchen Sie nicht, irgend jemanden irgend etwas zu fragen, sonst erwartet Sie das Gefängnis. Wenn Sie den Leuten vom Leben außerhalb des Sultanats erzählen, erwartet Sie der Tod. Und wenn Sie die "Horcher" kritisieren, so belanglos die Sache auch sein mag, werden Sie gehängt.

- "Ich danke Ihnen"

 

Schweigend nahm Ilyas seinen Gehstock, stützte sich darauf und ging weiter in die Richtung seines Dorfes.

 

 


 

XIV

- "Du mußt die Erde verlassen" sagte eines der Krokodile.

- "Wie denn?" fragte al-Khidr.

- "Leg dich auf meinen Rücken.

 

Al-Khidr ging wenige Schritte, da sank das Krokodil mit ihm tief ins Wasser. Die anderen Krokodile bauten mit ihren Körpern ein dichtes Rohr bis zur Wasseroberfläche. Durch das Rohr kam Luft. Kein Tropfen Wasser war durchgedrungen. Al-Khidr schwieg, was sollte er sonst tun?

 

Ein kleines Krokodil kam zu ihm und sagte:

- "Willkommen, al-Khidr, im Tal der Krokodile"

- "Danke"

- Hab' keine Angst. Wir bringen dich zum Berg Qaf. Dort wirst du deinen Weg fortsetzen. Hab' keine Angst"

- "Danke"

- "Aber warum suchst du die Lebensquelle?"

- "Ich weiß es nicht"

- "Du weißt also nicht, was du tust?"

- "Das kann man so sagen"

- "Liebst du das Leben?"

- "Ehrlich gesagt, ja"

Die Krokodile hatten sich versammelt. Jetzt tobten und dröhnten sie, bis al-Khidr glaubte, daß die See sich vollkommen aufgelöst hatte. Sie legten sich stapelweise übereinander und bildeten eine Treppe, die al-Khidr leicht erklimmen konnte. Erschöpft erreichte er den Gipfel des Berges. Die Krokodile aber machten sich aus dem Staube.

 

 


 

XV

Als Ilyas an der Tür seines Hauses klopfte, machte ihm ein junger Mann auf.

- "Wer ist da bitte?"

- "Ist Rie da?"

- "Rie? Haben Sie etwas mehr Selbstrespekt, alter Mann, und sagen Sie "Um Hamani" (die Mutter von Hamani)"

- "Die Mutter von wem?"

- "Hamani"

- "Ach so, ja, jetzt weiß ich wieder, entschuldige. Ist Um Hamani da?"

- "Ja, und wer sind Sie?"

- "Das wirst du gleich sehen"

 

Der junge Mann ließ Ilyas rein. Ilyas rief "Rie". Rie stand von ihrem Bett auf. Ihre Haare waren ergraut. Sie rief: "Diese Stimme kenne ich doch. Es ist seine Stimme. Ist er's? Nein, ja doch, nein..."

- "Doch, Rie, ich bin es, Ilyas"

Rie warf sich weinend in seine Arme. Hamani war überrascht. Nach einer Weile sagte Rie:

- "Dies ist unser Sohn Hamani, Ilyas"

Hamani ging zu Ilyas und umarmte seinen Vater zum ersten Mal.

 

Rie wies ihren Sohn an, die Außentür zu schließen und niemanden von der Rückkehr seines Vaters zu erzählen. Sie begann dann, Ilyas von Taschi und vom Gefängnis und von Ilyas' und al-Khidrs Scheintod zu erzählen... vom Sultanat und von der Ungerechtigkeit, die jetzt überall herrschte. Es fiel Ilyas schwer, all das zu glauben, von dem ihm Rie erzählte. Rie riet ihm,  das Haus nicht zu verlassen, sonst erwarte ihn das Gefängnis oder der Tod. Er wollte ihr klar machen, daß es gegen seinen Stolz und seine Natur sei und daß er Ilyas sei. Sie sagte: "Und er ist Taschi".

 

 


 

XVI

Mehrere Adler ließen sich auf dem Berg Qaf nieder. Al-Khidr fand überall die Namen der guten Menschen geschrieben. Er suchte nach seinem und Ilyas' Namen. Er fand sie schließlich auf dem Gepfel des Berges, was ihn sehr freute. Er fragte einen der Adler:

- "Was haben Namen für eine Bedeutung?"

- "Namen sind Symbole", sagte der Adler.

- "Wir können auch ohne Namen leben."

- "Ja, so leben wir."

- "Wir aber tragen viele solche Namen und Bezeichnungen"

- "Ihr Menschenkinder sucht immer das Komplizierte."

- "Vielleicht"

- "Und was erwartest du von der Unsterblichkeit?"

- "Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht"

 

In diesen Moment stießen die Adler einen so scharfen Ton aus, daß al-Khidr in Ohnmacht fiel. Als er erwachte, waren die Adler verschwunden.

 

Er wanderte allein auf dem Berggipfel umher. Dann bewegte er den Stein, auf dem sein Name geschnitzt war. Zu seinem Erstaunen fand er die Geschichte seines Lebens geschrieben. Er schüttelte sich vor Lachen als er las, was ihm geschehen war, als er von der Sykomore aus Ficusfrüchte auf Rie warf und Rie dachte, es sei Ilyas. Al-Khidr las und las, bis er an die Stelle kam, an der die Adler ihren lauten Schrei gaben. Vergebens versuchte al-Khidr den Stein zu bewegen, um zu lesen, was danach kam, aber der Stein ließ sich nicht vom Fleck bewegen. Als er müde wurde, kam ein Adler zu ihm herab und sagte:

- "Mach dir keine unnötigen Mühen. Du wirst den Stein jetzt nicht bewegen können"

 

Al-Khidr ließ den Stein Stein sein, setzte sich auf den Boden und dachte über sein vergangenes Leben nach und über das Leben, das noch kommen würde. Seine Gedankengänge wurden von der Stimme eines der Adler unterbrochen:

- "Du mußt jetzt gehen"

 

In diesem Augenblick sah al-Khidr, wie einige Buchstaben auf den anderen Steinen erschienen, als wenn sie sich wie von selbst schrieben. Er hielt sich fest an den Flügeln  des Adlers, der mit ihm aufflog und ihn wieder im Tal der Di'an absetzte.

 


 

XVII

Hamani öffnete die Tür. Am Eingang stand eine Gruppe "Horcher". Sie stürzten ohne Erlaubnis ins Haus und schrien:

- "Wo ist der fremde Mann, der in Ihrem Hause wohnt?"

 

Weder Rie noch Hamani konnten sich erklären, wie sie von dem "fremden Mann" erfahren hatten. Aber die "Horcher" wußten alles, was in dem Land vorging; also warum sollte ihnen dies verborgen bleiben? Sie überfielen Ilyas und legten ihn in Eisenketten und nahmen ihn mit und stellten ihn vor Taschi, der ihn lange anstarrte und ihn stotternd fragte:

- "Wer bist du?"

- "Erkennst du mich nicht, Taschi?"

 

Einer der Wezire stieß ihn von der Seite an und sagte: "Sag, "Allherrschender Sultan" zu ihm"

 

- "Wie soll ich dich Fremden kennen. Du spionierst das Sultanat aus"

- "Gibt es im Land denn noch etwas, was sich zum Ausspionieren lohnte?"

 

Hier stand der Justizminister auf: "Mit Verlaub, O, 'Allherrschender Sultan'. Majestät, dieser Mann hat die Grenzen des schicklichen Benehmens und der Würde weit überschritten. Er hat somit Ihnen und dem Sultanat Unrecht getan. Demgemäß und nach den Gesetzen des Sultanats verurteilen wir ihn... "

 

Taschi brachte ihn mit einem sichtbar nervösen Handwink zum Schweigen. Widerwillig setzte der Wezir sich wieder, während Taschi mit seiner Vernehmung fortfuhr:

 

- "Du scheinst ein falsches Spiel zu spielen. Sag mir, wer du bist und wer dich zum Spionieren hierher geschickt hat."

- Wenn du weiter behauptest, daß du mich nicht kennst, sag ich es dir."

 

Taschi sah sich die Berichte durch, die vor ihm lagen  und rief: "Es scheint eine Verschwörung von der Fischerstochter zu sein. Rie ist es, die nach unseren Feinden schickte, damit diese unser Land zunichte machen. Nehmt sie sofort fest, damit wir feststellen können, wie groß der Schaden ihres Verbrechens ist."

- "Wie kannst du die Frau von Ilyas verhaften, Taschi?"

- "Wer ist Ilyas?"

- "Ich."

 

Da brachen Taschi und die Wezire und die Leibwächter in lautes Gebrüll aus. Immer noch fester stickend vor Lachen, sagte Taschi:

- "Du bist Ilyas?"

- "Ja Taschi, ich bin Ilyas"

- "Ilyas ist tot. Er starb vor vielen Jahren. Du kannst ein anderes Stück spielen, aber das hier nicht. Du hast deine Rolle verfehlt."

 

Alle schwiegen. Taschi stierte in sein Gesicht. Es war Ilyas! Aber wie alt er aussah, sein Körper, sein Gesicht! Das Wiedererscheinen von Ilyas war eine Gefahr für seine Herrschaft. Ilyas Wiedererscheinen würde die Leute an die guten alten Zeiten des alten Regimes von al-Khidr und an die Gerechtigkeit erinnern. Das würde das Ende von Taschi und seiner Militärherrschaft bedeuten. Er war es ganz bestimmt, Ilyas... nein, Ilyas war tot, ... nein, es war Ilyas, tatsächlich.

- "Ich bin Ilyas, Taschi, O du, der du dem Sultanat untreu geworden bist und die Menschen tyrannisiert hast."

- "Versuchst du immer noch deine Rolle zu spielen? In Ordnung, dann sag doch bitte, wo al-Khidr ist?"

- "Ich weiß es nicht."

 

Taschi sah die Wezire bedeutungsvoll an und befahl den Wächtern, diesen fremden Mann (Ilyas) ins Gefängnis zu stecken und die stärksten und wachsamsten Männer vor seinem Kerker als Gefängniswache aufzustellen. Während die Leibwächter Ilyas aus dem Saal zerrten, schaute Ilyas tief in Taschis Augen, der feige seinen Blick schnell abwandte.

 


 

XVIII

- "Ich bin al-Khidr, ich bin der, der nach der Lebensquelle sucht, ich bin al-Khidr."

 

So schrie al-Khidr, er hörte aber nichts. Er fing an zu laufen, aber er hörte seine hart aufprallenden Schritte nicht. Sehen konnte er aber sich lautlos bewegende Dinge. Lautlos bewegten die sich. Er schaute diesen Wesen zu. Sie ähnelten kleinen Skulpturen. Aber sie hatten keinen Gesichtsausdruck. Weder hatten sie Augen noch Hände. Es waren fliegende Lebewesen. Sie stießen manchmal an ihn an. Er spürte Schmerz an der Stelle, wo sie an seinen Körper stießen, aber er hörte keinen Aufprall. Er wollte dieses Tal verlassen,... er versuchte, schneller zu laufen, aber er hatte Mühe, vorwärts zu kommen. Und als er sah, daß diese Lebewesen sich um ihn vermehrten und einen Zaun um ihn bildeten, blieb er stehen. Seine Haare standen ihm vor lauter Angst zu Berge. Er versuchte zu sprechen, ihnen von seinem Vorhaben zu erzählen. Das Problem war, daß er seine eigene Stimme nicht hören konnte. Alles war still. Sogar von den sich bewegenden Wesen kam kein Laut.

 

Es schien, daß die Reise immer schwieriger wurde. Er würde vielleicht sterben, bevor er die Lebensquelle erreicht hätte. Es schien, als wenn er eine Illusion verfolge, es schien, als wenn sein Tod unvermeidlich wäre. Al-Khidr ließ sich erschöpft zu Boden sinken. Erschrocken schnellte er wieder auf: eins der kleinen lautlosen Wesen lag genau unter ihm. Plötzlich sah er Nota, die ihm unerwartet erschienen war. Sie stand lächelnd vor ihm und sagte:

- "Warum fürchtest du dich, al-Khidr?"

- "Siehst du nicht, was ich sehe?"

- "Angst vor diesen Wesen?" Sie nahm eines in ihre Hand und sagte zu ihm:

- "Warum heißt ihr al-Khidr nicht willkommen?"

- "Weil er ein Mensch ist."

- "Haßt ihr die Menschen so sehr?" rief al-Khidr.

- "Ihr seit Mörder. Ihr tötet euch gegenseitig. Ihr tötet Tiere und Pflanzen. Ihr tötet das Schöne in allem, was schön ist."

 

Zum ersten Mal spürte al-Khidr, daß er die Menschheit vertrat. Wie sehr wünschte er jetzt in diesem Augenblick, daß alle Menschen gut wären. Ach, wie schön wäre es, wenn die Menschen keine Haß und keinen Neid und keine Kriege und keine Zerstörung kennen würden. Aber er konnte allein nichts ändern... als einzelner.

 

- "Sag, O, Mensch, der du die Unsterblichkeit suchst, willst du für alle Ewigkeiten leben? Natürlich ja, aber, hast du dich noch nie gefragt, ob du ewig und gleichzeitig glücklich leben wirst? Suchst du die Unsterblichkeit oder die Glückseligkeit? Du hast dich mit der Unsterblichkeit, nicht aber mit der Glückseligkeit beschäftigt. Wußtest du, daß unser Leben nur eine Stunde dauert? Aber wir leben glücklich. Nur glücklich."

 

- "Was ist Glück?"

- "Im Tal der Di'an ist Glück, daß du dem Moment lebst, ohne dir selbst und anderen zu schaden."

- "Was ist daran Glück?"

- "Habe ich es nicht gesagt? Ihr Menschenkinder träumt vom Sieg über andere, über andere Menschen, die die Niederlage erleben müssen, während ihr die Trommeln des Sieges schlagt. Ihr fühlt euch stark, wenn ihr ein schwaches Reh jagd und prahlt hochmütig, wenn ihr es nach Hause zerrt. Habt ihr vergessen, daß auch dieses Reh seine Rehkitze und seine Träume hat ..."

- "Ja, das hat es."

- "Warum tötet ihr dann, ihr Mörder? O du, der du nach der Unsterblichkeit suchst, such in dir selbst nach dem Glück. Entschuldige, aber es sind mehrere Minuten von meinem  Leben mit diesem Gespräch verstrichen"

 

Das kleine Wesen ging. Al-Khidr stand allein da, traurig, von hilfloser Verzweiflung ergriffen. Nota klopfte ermunternd auf seine Schulter. Sie wies ihn darauf hin,  ins Tal der Danduba aufzubrechen.

 


 

IXX

Ohne daß es ihm bewußt wurde, überkam Ilyas der Schlaf. In Ketten war er hierher in den Kerker gebracht worden. Sobald er eingeschlafen war, weckten ihn schon wieder die Wächter. Sie nahmen ihm die Ketten ab und baten ihn ins Nebenzimmer, wo er kein anderen außer Taschi stehen sah, der seinen Leuten befahl, die Tür zu schließen und keinen reinzulassen.

 

- "Entschuldige, Ilyas, daß ich dich einsperren ließ. Aber du warst nicht von Anfang an zu mir gekommen. Warum hast du mich nicht gleich begrüßt? Ich habe dir aber Unrecht getan, das hast du nicht verdient, verzeihst du mir?"

- "Wenn ich dir verzeihe, werden dir ebenso die Menschen verzeihen, denen deine Soldaten Unrecht getan haben?"

- "Mach dir keine Sorgen um die Menschen. Entschuldigung, aber du weißt nicht, was Herrschen bedeutet. Wenn man Sultan wird, muß man tyrannisieren, muß man Soldaten und Diener, Wezire und "Horcher" und vieles andere haben."

- "Gerechtigkeit, Taschi, O, allherrschender Sultan!"

- "Warum machst du dich über mich lustig? Hattet du und dein Freund etwa gedacht, daß wir das Sultanat so lassen, bis ihr wieder zurückkommt? Damit wäre die Herrschaft zu Ende gewesen. Hat mir einer von euch gesagt, wohin ihr gegangen ward? Ich habe die Herrschaft und das Sultanat gesichert. Was Gerechtigkeit anbetrifft, so ist sie reine Illusion. Es wird sie nie geben. Nie!"

- "Doch, Taschi, es wird sie geben, dann nämlich, wenn der Herrscher und die Beherrschten..."

Taschi unterbrach ihn: "Mach dir darüber jetzt keine Gedanken. Erzähl mir von eurer Reise. Hast du deinen Freund umgebracht, damit du die Herrschaft für dich allein hast?"

- "Ich al-Khidr töten? Dich hat die Herrschaft blind gemacht."

- "Wo ist er dann?"

- "Ich weiß es nicht. Das habe ich dir doch gesagt."

- "Dann ist er tot."

- "Ich weiß es nicht."

- "Und jetzt, was wünschst du, Ilyas. Ich gebe dir soviel Geld, wie du willst. Ich bereichere dich und deine Frau und deinen Sohn, soviel ihr begehrt, unter einer Bedingung: daß du weit fortgehst. Wähl dir dein Exil aus, für dich und deiner Familie. Denn daß du hier bleibst, ist nicht möglich. Ausgeschlossen. Was sagst du, Ilyas?"

 

Ilyas sagte nichts.

 


 

XX

Al-Khidr ging nur einige Schritte, da befand er sich schon im Tal der Danduba. Als er aber weitergehen wollte, stoppte ihn ein Lebewesen mit 80 Beinen und 20 Händen. Es drängte al-Khidr nach vorn:

 

- "Du mußt dich von allem, was du hast, lösen"

- "Ich habe aber nichts." Al-Khidr bemusterte sich selbst und fand an sich nur alte Lumpen, die er gleich auszog. Er ging splitternackt weiter, aber das Danduba-Wesen stoppte ihn wieder:

 

- "Du mußt dein Schamteil bedecken"

- "Womit?"

- "Mit grünen Blättern"

- "Wo sind Bäume?"

 

Das Wesen zeigte hinunter ins grüne Tal. Al-Khidr lief eilig hin, während der Dandub schelmig lachte. Al-Khidr pflückte eines der Blätter, das sich sofort in eine Paradiesesjungfrau verwandelte. Sie lächelte.

- "Was willst du, al-Khidr?"

- "Ich will nur einige Blätter, damit ich damit mein Schamteil bedecken kann."

- "Es gibt hier keine Blätter. Jedes Blatt verbirgt eine Paradiesesjungfrau. Du mußt dein Schamteil selbst bedecken. Du hast deine Kleidungsstücke und Lumpen ausgezogen, du hast aber dein niederes Ich, das zum Bösen antreibt, nicht abgelegt. Du hast dich nicht von deinen Begierden, deinem Haß, deinem Neid entblößt. Du hast das Äußere ausgezogen und das Innere anbehalten. Entblöße dich"

- "Wie?"

- "Entblöße dich"

- "Wie?"

- "So wie du dich bemühst, die Unsterblichkeit zu finden, so mußt du dich auch bemühen, Reinheit zu erreichen. Die Reinheit ist die Unsterblichkeit, al-Khidr."

- "Ich sehe Bäume und Blätter, Büsche und Tiere, die sich bewegen oder still bleiben."

- "Das ist das Paradies der Reinheit. Erst wenn du rein bist, hast du dich wirklich entblößt. Dann erst kannst du das Paradies der Reinheit erleben."

- Wie?"

- "Entblöße dich. Das ist alles."

- "Das habe ich doch schon getan."

- "Du lügst. Wenn du das getan hättest, dann wärest du nicht noch auf der Suche nach der Lebensquelle."

- "Dann also kehre ich zurück, ohne von ihr getrunken zu haben. Oder ich bleibe hier bis zu meinem Tode."

- "Was ist der Tod, O, al-Khidr?"

- "Ich weiß es nicht, das weiß ich wirklich nicht."

- "Ehrlich gesagt, du weißt gar nichts. Und du fürchtest dich vor dem Unbekannten. Du suchst die Lebensquelle, um vor etwas zu fliehen, das du nicht kennst... nämlich vor dem Tod. Bist du dumm."

 

Al-Khidr schluckte diese Worte, die seine ganze Existenz erschütterten, hinunter. Aber sie fuhr fort:

- "Geh weiter, al-Khidr, ins Tal der Nahun, das Endtal, damit du die Gerechtigkeit herstellst. Geh!"

 

Sie zeigte in eine Richtung. Al-Khidr machte sich schweigend auf den Weg.

 


 

XXI

Nach langem Nachdenken entschloß sich Ilyas, weit weg vom Heimatsland ins Exil zu gehen. Rie hatte ihn überzeugt, daß es weise und richtig sei. Sie zog vor, mitzugehen und immer bei ihm zu sein, wohin er immer hin gehe. Hamani jedoch wollte bleiben. Seine Mutter versuchte, ihn zu bewegen mitzukommen, aber es half nichts. Ihr Flehen hatte nichts genützt und stieß auf taube Ohren. So brachen sie eines Tages allein auf. Ilyas hatte nicht vergessen, Taschi warm ans Herz zu legen, für Hamani zu sorgen. Er murmelte vor sich hin:

- "Ich vertraue ihn dir an, so wie wir dir die Verwaltung des Landes anvertraut haben, möge dich Gott bewahren"

 

Im Dunkeln nahmen Ilyas und Rie den Weg zum Nilufer. Dort fanden sie ein Boot auf sich warten. Darin waren Geld und Lebensmittel verstaut, die ihnen Taschi besorgt hatte und die für viele Jahre reichten.

 

Statt daß er aber das Boot gen Norden steuerte, machte er eine Wende gen Süden. Rie machte ihm darauf aufmerksam:

-"Wir fahren gegen den Strom des Wassers. Beabsichtigst du, in den Norden oder in den Süden zu fahren?"

- "In den Süden, Rie, zu den Quellen des Nils"

- "Warum?"

- "Warum der Norden?"

- "Ich weiß es nicht."

- "Ich dagegen weiß, wohin ich gehe. Du kannst hierbleiben, wenn du willst"

 

Rie umarmte ihn und drehte das Ruder gen Süden.

 


 

XXII

Es war stockduster. Unerträglich duster. Die Dunkelheit war unerträglich. Er hatte Angst. Dunkelheit... Dunkelheit. Mehrere Ebenen von Dunkelheit  dichteten sich. Al-Khidr bahnte sich mühevoll einen Weg durch die Dunkelheit. Er schaute nach rechts und nach links, aber er konnte außer der schwarzen Leere nichts sehen. So wenig sah er, daß er bald an seinen eigenen Augen zweifelte. Mit den Händen öffnete und schloß er seine Augen. Aber es machte keinen Unterschied, ob er die Augen geschlossen oder geöffnet hatte. In beiden Fällen sah er nichts. Er bewegte sich schwer vorwärts. Mit den Händen und Füßen schob er die Dunkelheit weg. Er kam sich vor wie ein Schwimmer im Wasser,... aber es gab kein Wasser.

 

Al-Khidr ging vorwärts, aber dann ging er verunsichert wieder zurück, weil er nicht wußte, wohin er ging. Er schlug eine andere Richtung ein, doch vergebens. Auch dort fand er nur Dunkelheit. Er ging in alle Richtungen, jedoch sah er nichts.

 

- "Das ist das Ende" sagte er zu sich und setzte sich traurig hin und stieß sich an der Dunkelheit. Er ließ seine Hände in alle Richtungen um sich herumtreiben, da hörte er das Geräusch von aufeinanderprallenden Steinen. Nervös grub er weiter, da erschien plötzlich ein starkes Licht, das ihn fast erblindete. Er folgte der Lichtquelle und kam ihr immer näher, bis er feststellen mußte, daß das Licht von einer kleinen Perle in der Größe eines Fingerknöchels strömte. Er wollte die Perle aufheben, aber er hatte Angst. Wieder schickte er sich an, sie aufzuheben, und wieder verlor er den Mut.

- "Nimm es" hörte al-Khidr die Stimme von Nota sagen.

 

Er nahm die Perle auf und warf sie ein wenig nach vorn. So erleuchtete sie ihm den Weg. Immer wenn er sie erreichte, hob er sie auf und warf sie erneut ein Stück nach vorn. So konnte er die Dunkelheit überwinden, bis er an einem riesigen Baum ankam.

 

Noch nie hatte er so einen Baum gesehen. Er war einfach unbeschreiblich. So stark sein Stamm, und so groß seine Kuppe, und er hatte so Unmengen viele Zweige und noch viel mehr Blätter. Al-Khidr hielt die Perle näher an die Blätter. Es gab Blätter, die wie im Herbst welkten und fielen, und andere, die wie im Frühling gerade erst aus den Knospen schossen. Als er noch näher kam, sah er, daß auf jedem Blatt ein Name stand. Er begann, die Blätter zu lesen, aber es gab so viele Namen. Er ging ein einziges Mal um den Baum. Dafür brauchte er Tage, in denen er zur gleichen Zeit Blätter fallen und Blätter wachsen sah. Es war also weder Herbst noch Frühling. Er hob ein Blatt auf, das schon auf den Boden lag. Es trug den Namen seines Vaters, mit Geburts- und Sterbedatum. Jetzt begann er, die anderen Blätter auf dem Boden zu lesen. Während er dies tat, fiel ein Blatt vom Baum direkt auf seinen Kopf. Er nahm es auf und fand darin geschrieben: "Ilyas". Al-Khidr brach weinend zusammen. "Ilyaaaas!!! Ilyaaaas!!!!". Das Echo antwortete mit "Ilyaaaa..!!! Ilyaaaa..!!!!" und machte somit alles noch schlimmer. Ilyas war also jetzt, in diesem Augenblick, gestorben. Al-Khidr konnte es nicht fassen und bekam einen schrecklichen Weinanfall. Er hatte Ilyas einfach vergessen, seinen besten Freund... und jetzt war alles zu spät. Lange blieb er so, aber schließlich stand er auf, als die fallenden Blätter ihn schon fast ganz bedeckten.

 

Er näherte sich dem Baumstamm und warf die Perle, so hart er konnte, gegen den Stamm: "Hier hast du deine Perle... ich will nicht mehr weiter gehen... ich will die verdammte Lebensquelle nicht mehr". Kaum hatte er dies ausgesprochen, da sah al-Khidr frisches Wasser aus der Höhlung des Baumes quellen - dort, wo die Wurzeln waren - und wieder zurück zu den Wurzeln fließen. Al-Khidr war sehr durstig. Er legte sich flach und trank gierig aus dem natürlichen Brunnen. Als er fertig war merkte er, wie das Leben in seinem müden alten Körper zurückkehrte und wie er wieder jung und kräftig wurde. Welch zauberwirkende Kraft hatte dieses Wasser. Er murmelte:

 

- "Ist dies die Lebensquelle?"

Notas Stimme war von weitem zu hören:

- "Wohl bekomm's, al-Khidr, du hast das ewige Leben erreicht."

 

 
   

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